Wohnen in Berlin: bezahlbar – lebenswert – demokratisch

2015_02_13_banner-ldk-15_0Berlin braucht eine neue Wohnungs- und Mietenpolitik. Eine Politik, die für bezahlbare Mieten sorgt, Immobilienspekulation eindämmt und Verdrängung verhindert. Eine Politik, die neuen Wohnraum schafft und den ökologischen Umbau der Stadt voranbringt. Eine Politik, die auf urbane Vielfalt, eine demokratische Stadtentwicklung und innovative Planungskultur setzt. Dafür stehen Bündnis 90/Die Grünen Berlin.

Berlins Bevölkerung wächst. Menschen aus der ganzen Republik und aus aller Welt wollen hier leben und wohnen. Das ist eine Bereicherung und gleichzeitig eine große Herausforderung für Berlins Stadtentwicklung und Wohnungspolitik. Dieser Herausforderung stellen wir Grüne uns.

Wohnen ist ein Grundbedürfnis und das Recht auf angemessenen Wohnraum hat in Berlin Verfassungsrang. Aber die Realität in der Stadt ist eine andere. Seit Jahren steigen die Miet- und Wohnkosten in Berlin dramatisch. Immer mehr Berliner*innen müssen einen immer größeren Anteil ihres Haushaltseinkommens für die Miete ausgeben und können sich trotzdem immer weniger Wohnungen in der Stadt leisten. Während Berlin rasant wächst ist der Marktanteil von bezahlbarem Wohnraum auf ein Minimum geschrumpft und immer ungleicher über die Stadt verteilt. In manchen Kiezen hat die Gentrifizierung zu einem fast vollständigen Bevölkerungsaustausch geführt, in anderen kommt es zu einer Konzentration und Verfestigung von Armut. Berlins Wohnungsmarkt ist aus den Fugen geraten und erfüllt die Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge immer weniger. Das zeigt nicht zuletzt das Ansteigen von Zwangsräumungen und Wohnungslosigkeit oder die Unterbringung von Geflüchteten in Massenunterkünften. Aber nicht nur die Wohnkosten sind in Berlin sprunghaft gestiegen, sondern auch ein Großteil der Gewerbemieten. Viele Kreative und Selbstständige, Gründerinnen und Pioniere suchen zwischenzeitlich vergeblich nach bezahlbaren Büro-, Produktions- und Atelierräumen. Gleiches gilt für gemeinnützige Träger und Einrichtungen wie Kitas, soziale Beratungsstellen und Wohnformen für Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf. Verdrängung hat in Berlin viele Gesichter, führt aber für die Betroffenen immer zu einem Verlust an Lebensqualität, Selbstbestimmung und sozialer Sicherheit.

Betroffen ist auch Berlin als Ganzes: Denn am Ende dieser Entwicklung steht die gesellschaftliche Spaltung der Stadt und ihre soziale Segregation entlang von Quartiers- und Einkommensgrenzen. Berlins berühmte „Mischung“ ist in Gefahr und damit auch ihre besondere Qualität und internationale Anziehungskraft als eine lebenswerte Metropole, die auch für Menschen mit geringem Einkommen bezahlbar ist. Die Misere auf dem Wohnungs- und Mietenmarkt ist in den letzten Jahren – neben anhaltend hoher Langzeiterwerbslosigkeit, der bundesweit höchsten Kinderarmut und dem noch immer geringem Einkommensdurchschnitt – zur entscheidenden sozialen Frage in unserer Stadt und zur größten Bedrohung für ihre wirtschaftliche Erholung geworden.

Die Ursachen für diese Misere sind vielfältig: Neben dem rasanten Bevölkerungswachstum haben vor allem die internationale Finanzmarktkrise und Immobilienspekulation dazu geführt, dass der Berliner Wohnungsmarkt unter Druck geraten ist. Die Investition in „Betongold“ soll den Anlegern schnelle und hohe Renditen bringen. Angeheizt wurde diese Entwicklung durch politische Fehlentscheidungen, die der jetzige rot-schwarze Senat und seine rot-rote Vorgänger-Regierung zu verantworten haben. Dazu gehören die Privatisierung und der Ausverkauf von öffentlichem Wohnungseigentum, das Verschenken von Sozialbindungen und der Wohnraumförderung, oder die jahrelange Untätigkeit bei der Bekämpfung von Zweckentfremdung und der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Anstatt steigende Energiepreise aktiv zu bekämpfen, wurden klimafreundliche Investitionen in die energetische Sanierung und Anreize für mehr Energieeffizienz systematisch verschleppt, und das sowohl bei öffentlichen Immobilien als auch im privaten Wohnungssegment. Durch Wegsehen und Nichtstun hat der Senat die Berliner Stadtentwicklung lange Zeit sich selbst und damit faktisch den Finanzinvestoren überlassen. Anstelle lebendiger, urbaner Quartiere sind vielerorts gesichtslose Baublöcke entstanden, die weder sozial-ökologischen Zielen noch dem architektonischen Anspruch einer modernen Metropole gerecht werden.

Anders als lange Zeit von den Verantwortlichen behauptet, sind steigende Miet- und Wohnungspreise kein Naturgesetz. Bündnis 90/Die Grünen Berlin wollen das Primat des Gemeinwohls in der Berliner Mieten-, Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik wieder herstellen. Dabei verfolgen wir insbesondere drei Ziele: Wir wollen, dass Wohnen in der Hauptstadt bezahlbar und sozial ist, denn das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Berlins Charakter als offene Metropole. Wir wollen Stadtquartiere, die lebenswert und ökologisch sind, denn das erhöht die Wohnqualität, spart Energiekosten und schützt das Klima. Und wir wollen, dass Planen, Bauen und Wohnen in Berlin demokratisch und innovativ ist, denn das Bevölkerungswachstum stellt die Stadt vor Herausforderungen, die neue und gemeinsame Lösungen brauchen.

I. Bezahlbar und sozial

Für uns Grüne ist es eine zentrale Aufgabe, Berlin als bezahlbare Metropole und die soziale Mischung in ihren Quartieren zu erhalten. Priorität hat für uns dabei die Begrenzung von Mietsteigerungen im Wohnungsbestand durch den konsequenten Einsatz aller verfügbaren politischen Instrumente. Gleichzeitig wollen wir neuen kostengünstigen Wohnraum schaffen und den sozialen Wohnungsbau gezielt fördern. Unser langfristiges Ziel ist es, dass 40 Prozent des Berliner Wohnungsbestands gemeinnützigen Zielen verpflichtet sind.

1. Berlin muss alle landes- und bundespolitischen Hebel nutzen, um Mietsteigerungen zu begrenzen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dazu gehören die deutliche Ausweitung von Gebieten mit sozialer Erhaltungssatzung, eine effektive Bekämpfung von Zweckentfremdung, Umwandlung und spekulativem Leerstand sowie der systematische Einsatz städtebaulicher Verträge. Durch das Instrument der städtebaulichen Verträge und eine Erhöhung der Neubauförderung wollen wir überall dort, wo auf landeseigenen Grundstücken gebaut oder neues Baurecht geschaffen wird, soziale und ökologische Ziele verankern. Unser Ziel sind 30 Prozent kostengünstiger Wohnraum bei privaten und 50 Prozent bei öffentlichen Bauvorhaben. Dort, wo die öffentliche Hand über ein Vorkaufsrecht verfügt, soll sie es auch wahrnehmen können. Dafür wollen wir die Bezirke durch einen entsprechenden Fonds finanziell ausstatten.

Das Land Berlin muss sich aber auch auf Bundesebene und im Bundesrat stärker für den Schutz von Mieter*innen engagieren. Gerade weil eine Mietpreisbremse, die diesen Namen auch verdient, nicht in Sicht ist, brauchen wir niedrigere Kappungsgrenzen und eine neue Mietspiegel-Systematik, bei der alle Mieten in die ortsübliche Vergleichsmiete einfließen. Wir wollen die Modernisierungsumlage in ihrer jetzigen Form abschaffen und mit einer Geschäftspraxis Schluss machen, die Modernisierung als Verdrängungsmotor missbraucht. Wir setzen uns für die Wiedereinführung der bewährten Mietobergrenzen in Milieuschutz- und Sanierungsgebieten ein und für ein Recht auf Wohnungstausch auf Basis der jeweiligen Mietvertragshöhen. Beim geplanten Verkauf der bundeseigenen Immobilien sprechen wir uns für eine Übernahme sämtlicher BImA-Liegenschaften in der Stadt aus. Um einen Erstzugriff von öffentlichen Wohnungsunternehmen und gemeinnützigen Trägern zum Verkehrswert zu ermöglichen, wollen wir das BImA-Gesetz ändern.

2. Berlins landeseigene Wohnungsbauunternehmen brauchen einen klaren sozialen Auftrag. Die Stadt muss ihre sechs landeseigenen Gesellschaften mit einem Bestand von derzeit 285.000 Wohneinheiten sehr viel stärker auf das Gemeinwohl verpflichten, als es das „Mietenbündnis“ des Senats bislang tut. Dafür schlagen wir eine Belegungsquote vor, die ein Drittel für Haushalte im Transferhilfebezug, ein Drittel für Haushalte mit Wohnberechtigungsschein und ein Drittel für den freien Wohnungsmarkt vorhält. Darunter müssen ausreichend Wohnungen im so genannten geschützten Marktsegment sein, etwa für Menschen die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Auch bei der Unterbringung von Geflüchteten müssen sich die landeseigenen Gesellschaften viel stärker als bislang engagieren. Berlin braucht eine Gesamtstrategie, die Wohnungsangebote für Menschen mit besonderen Bedarfen koordiniert und sie nicht gegeneinander ausspielt. Die schrittweise Erhöhung der Bestände durch Kauf oder Neubau darf sich nicht nur auf einige städtische Teilmärkte beschränken, hat aber insbesondere dort zu erfolgen, wo preisgünstiger Wohnraum rar ist. Wir wollen die Härtefallquote mit Blick auf die Wohnungsgröße flexibilisieren, den Wohnungstausch ankurbeln und die bezirkliche Kontrolle der Vereinbarungen aus dem „Mietenbündnis“ ausweiten. Bei Modernisierungsmaßnahmen sollen die Betroffenen von Anfang an mit einbezogen werden, sie müssen finanziell tragbarsein und auf Zwecke wie Energieeffizienz und Barrierefreiheit begrenzt werden.

Den landeseigenen Gesellschaften kommt eine Schlüsselrolle bei der sozialen Wohnraumversorgung und öffentlichen Daseinsvorsorge zu. Insbesondere sozial benachteiligte Haushalte, Geringverdienende und Menschen in Notlage sind auf ihre Hilfestellung angewiesen. Wir sehen die Wohnungsbaugesellschaften aber auch als wichtiges Korrektiv zum freien Markt und wollen über sie wieder stärker auf die Berliner Mietenentwicklung insgesamt Einfluss nehmen. Bei der Aufgabe, bezahlbaren Wohnraum zu erhalten und allgemeine Mietpreissteigerungen zu dämpfen, werden sie durch Genossenschaften und andere gemeinnützige Wohnformen unterstützt. Wir wollen deshalb langfristig den Anteil der öffentlichen, genossenschaftlichen und anderen Non-Profit-Wohnungswirtschaft am gesamten Berliner Wohnungsbestand von heute knapp 30 auf 40 Prozent erhöhen. Dafür möchten wir die gemeinnützige Wohnungswirtschaft wieder rechtlich stärken, ihre Bestände dauerhaft sichern und sie beim Wachsen finanziell unterstützen.

3. Berlin braucht einen neuen sozialen Wohnungsbau und Sozialwohnungen, die diesen Namen auch verdienen. Über viele Jahre hinweg hat der Senat gar keinen sozialen Wohnungsbau betrieben und auch heute entstehen in Berlin die meisten neuen Wohnungen im Hochpreissegment. Dem stellen wir Grünen ein ausfinanziertes Wohnungsbauförderprogramm entgegen, durch das wir in zehn Jahren insgesamt 50.000 neue Wohnungen für Geringverdienende und Haushalte im Transferhilfebezug schaffen wollen. Durch eine Eigenkapitalerhöhung sollen die landeseigenen Unternehmen in die Lage versetzt werden, Wohnungen neu zu bauen und – was in vielen Fällen günstiger ist – aufzukaufen. Genossenschaftlichen und privaten Bauherren wollen wir ermöglichen, zinsfreie Darlehen abzurufen und in den Neubau von Sozialwohnungen zu kostengünstigen Mietpreisen zu investieren. Durch langfristige Belegungsbindungen sollen überall dort, wo öffentliche Mittel zum Einsatz kommen, soziale Mieten und die vorrangige Versorgung finanziell schwacher Haushalte mit Wohnraum festgeschrieben werden.

Bei all diesen Maßnahmen muss Berlin ein besonderes Augenmerk darauf legen, dass die Fehler des alten sozialen Wohnungsbaus nicht wiederholt werden. Dass heute die Mietkosten bei 60 Prozent der über 140.000 bestehenden Sozialwohnungen über dem Berliner Mietspiegel liegen, ist ein Skandal und konterkariert ihren ursprünglichen Zweck. Wir wollen für diese Wohnungen deshalb die alten Förderverträge überprüfen, eine neue Berechnungsverordnung einführen, das Wohnraumgesetz um den Schutz der betroffenen Mieter*innen erweitern, sowie eine soziale Richtsatzmiete einführen. Solange sollen soziale Härtefälle ausgeglichen und dabei auch die privaten Eigentümer finanziell mit in die Pflicht genommen werden. Gleichzeitig muss das Land seine Bemühungen intensivieren, betroffene Objekte zu rekommunalisieren und zwar vorrangig dort, wo der Berliner Wohnungsmarkt besonders angespannt ist.

4. Die Wohnraumversorgung für die Schwächsten unserer Gesellschaft muss funktionieren. Heute versagt der Senat insbesondere bei ihrer Unterbringung. Unser primäres Ziel ist es deshalb, Wohnungslosigkeit zu verhindern und den Zugang benachteiligter Gruppen zum Wohnungsmarkt zu verbessern. Wir fordern deshalb eine neue Wohnaufwendungsverordnung, in der die Kosten der Unterkunft auch die tatsächlichen Kosten für Miete und Heizung in Berlin abbilden. Bis zu einer Neuregelung müssen die Kosten oberhalb der momentanen Richtwerte übernommen werden, um Zwangsumzüge zu verhindern. Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften müssen verpflichtet werden, von Zwangsräumungen abzusehen und endlich ihre Zusagen beim geschützten Marktsegment zur Integration besonders Benachteiligter in den Wohnungsmarkt einzuhalten. Dieses Instrument wollen wir durch bessere Konditionen und höhere Zuschüsse für private Anbieter und soziale Träger gezielt ausbauen.

Berlins Schuldnerberatung und Kältehilfe sowie die Wohnungs- und Sozialämter in den Bezirken müssen endlich so ausgestattet werden, dass sie den realen Bedarf decken können und Planungssicherheit für ihre Arbeit haben. Statt immer neuer provisorischer Unterbringungen braucht Berlin eine langfristige Strategie für die Versorgung von Wohnungslosen und Geflüchteten. Dazu gehören auch ausreichend sozialpädagogische Fachkräfte in den Einrichtungen. Für Geflüchtete haben wir bereits den dezentralen Aufbau von Stadtteilunterkünften, die von den Wohlfahrtsverbänden betrieben werden, vorgeschlagen. Wir fordern außerdem eine integrierte Wohnungslosen-Statistik, denn deren tatsächliche Zahl dürfte die offiziellen 12.000 Fälle bei weitem übersteigen. Für die Unterbringung dieser Gruppen wollen wir verstärkt leerstehende Liegenschaften im Landeseigentum heranziehen oder in Erbbaupacht vergeben. Dafür müssen die zuständigen Senatsverwaltungen endlich gemeinsam und ressortübergreifend handeln.

II. Lebenswert und ökologisch
Gutes Wohnen ist mehr als die Grundversorgung mit bezahlbarem Wohnraum. Lebensqualität entsteht auch durch ein attraktives Wohnumfeld, den schonenden Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen und den klimagerechten Umbau der Stadt. Wir Grünen verbinden unsere internationalen Klimaschutzziele mit Energieeffizienz und sozialer Verantwortung vor Ort. Wir konzentrieren uns deshalb darauf, die Energiekosten zu senken, den Berliner Gebäudebestand energetisch fit zu machen und die Stadtnatur zu schützen. Nur wenn wir das Wachstum der Stadt nachhaltig gestalten, können Mensch und Umwelt auch langfristig davon profitieren.

1. Berlins ökologisch-soziale Stadterneuerung muss endlich konsequent vorangetrieben werden. Wir wollen dafür alle Maßnahmen und Förderprogramme bündeln, die für die energetische Ertüchtigung des Wohnungsbestands sowie den klimafreundlichen Neubau zur Verfügung stehen und die Mieter*innen von steigenden Energiekosten entlasten. Der Senat macht bislang viel zu wenig Gebrauch von den Möglichkeiten der Städtebauförderung, KfW-Programmen und EU-Mitteln, die eine kostengünstige energetische Gebäudesanierung und den Einsatz erneuerbarer Energien ermöglichen. Dabei wollen wir sicherstellen, dass zukünftig ein größerer Anteil der Klimaschutzfördermittel vom Bund nach Berlin und ins Berliner Handwerk fließt. Zusätzlich wollen wir gezielt Energiesparmaßnahmen an Gebäuden fördern, die sich wie die Dämmung von Decken oder das Abwracken von Ölheizungen schnell rechnen und von denen die Mieterinnen und Mieter profitieren. Eigentümer*innen, die diese Maßnahmen um einen hydraulischen Abgleich ergänzen und die entsprechende Förderung der IBB in Anspruch nehmen, sollen zusätzlich einen Landeszuschuss erhalten. Das Land Berlin muss aber auch beim Wohnungsneubau eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz einnehmen. Entsprechende Vorgaben können bei der Aufstellung von Bebauungsplänen, durch städtebauliche Verträge und den gezielten Einsatz der Neubauförderung erfolgen. In all diesen Fällen wollen wir dabei deutlich über die Energieeinsparverordnung hinausgehen.

2. Energiesparen im Wohnungsneubau und -bestand muss sozial verantwortlich gestaltet werden. Je weniger Mieter*innen durch Immobilienspekulation und reguläre Mietpreissteigerungen belastet werden, desto höher ist die Bereitschaft für energetische Modernisierungsmaßnahmen. Aber auch die müssen so ausgestaltet sein, dass die Betroffenen nicht über Gebühr belastet werden und soziale Verdrängung ausgeschlossen ist. Die Gebäudesanierung darf nicht für Luxusmodernisierungen missbraucht werden, sondern muss sich durch sinkende Energiekosten auch tatsächlich für die Betroffenen auszahlen. Nicht fachgerecht durchgeführte Sanierungsmaßnahmen führen ebenfalls dazu, dass Einsparpotentiale nicht ausgeschöpft oder sogar mehr Energie verschwendet wird. Eine staatliche Zertifizierung und effektivere Kontrolle seitens der bezirklichen Bauaufsicht ist deshalb im Interesse sowohl der Mieter*innen als auch der Eigentümer*innen. Energetische Sanierung darf nicht dazu führen, dass Miet- und soziales Erhaltungsrecht gebrochen wird. Das wollen wir auch durch bundesgesetzliche Veränderungen sicherstellen. Um die energetische Sanierung in Berlin voranzubringen, wollen wir das so genannte Stufenmodell von BUND, IHK und dem Berliner Mieterverein weiterentwickeln, inklusive der vorgeschlagenen Härtefallregelungen. In Sanierungsgebieten kann zusätzlich die Wohnraumförderung dafür genutzt werden, Energiesparmaßnahmen mit günstigen Mietpreis- und Belegungsbindungen zu kombinieren. Land und Bezirke müssen sozialverträgliche Sanierungsfahrpläne für einzelne Stadtteile erstellen und für Konfliktfälle eine unabhängige Ombudsstelle einrichten.

3. Ökologischer Städtebau und eine nachhaltige Stadtentwicklung schaffen Lebensqualität und schützen das Klima. Unser Ziel ist energiesparendes und umweltverträgliches Bauen mit möglichst wenig versiegelten Böden und viel Grün. Nachverdichtung und das Weiterbauen im Bestand müssen deshalb Vorrang vor der Siedlungserweiterung und teureren Erschließungsmaßnahmen haben. In der inneren Stadt sind nur noch wenige größere Flächenreserven vorhanden, Verdichtung kann daher hauptsächlich durch kleinteilige Maßnahmen und die Umnutzung von Bestandsgebäuden erfolgen. Städtebauliche Potentiale sehen wir insbesondere bei der Umnutzung leerstehender Industrieflächen, dem Ausbau von Dachgeschossen und der Aufstockung von Gebäuden mit wenigen Geschossen. Gleiches gilt für Siedlungen aus den 50er und 60er Jahren und Eigenheimsiedlungen. Priorität haben für uns zudem Wohnungsbauflächen, die gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sind. Wir wollen dadurch nachhaltige Mobilität und autofreie oder autoarme Quartiere fördern. Weniger Autoverkehr und Stellplatzbeton sparen Kosten, erhöhen die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum, schützen die Anwohner*innen vor Lärm und schaffen Platz für innerstädtisches Grün. Und wir möchten sicherstellen, dass Barrierefreiheit zu einer grundsätzlichen Anforderung an sämtliche Planungen und Baumaßnahmen wird, um die Stadt für den demografischen Wandel fit zu machen.

Lebenswertes Quartiere leben von einer bunten Nutzungsmischung von Wohnen, kleinteiligem Gewerbe und attraktiven Aufenthaltsbereichen. Sie brauchen Begegnungsorte wie öffentliche Plätze oder Gemeinschaftsgärten und eine funktionierende Nahversorgung. Die innerstädtische Dichte bringt auch eine Vielzahl von Nutzungs- und Zielkonflikten mit sich. In denen kann es eine gemeinwohlorientierte Politik nicht jedem Partikularinteresse Recht machen, egal wie verständlich es im Einzelfall sein mag. Umso wichtiger ist es, eine gute Balance zwischen dem notwendigen Wohnungsbau und dem Bedürfnis der Berliner*innen nach Grün- und Erholungsflächen zu finden. Die Innenstadt benötigt mehr öffentliche Freiflächen, gemeinschaftliche Gärten oder Dachlandschaften. Berlins Stadtgrün muss planungsrechtlich abgesichert und adäquat gepflegt werden. Kleingärten, Sport- und Spielflächen und kreative Räume brauchen wirksamen Schutz. Land und Bezirke müssen nach der Maxime verfahren, bei jeder Baumaßnahme so viel neue Qualität im öffentlichen Raum und so viel zusätzliches Grün wie möglich zu schaffen, auch auf Dächern und an Fassaden.

III. Demokratisch und innovativ
Neues Wohnen muss bezahlbar sein und gleichzeitig Qualitäten haben, die eine europäische Metropole im 21. Jahrhundert braucht. Unsere Gesellschaft wird älter und vielfältiger, in der Stadt leben immer mehr Singles und Patchworkfamilien und ihre Bewohner*innen wollen mit darüber entscheiden, wie sich Berlin entwickelt. Grüne Wohnungspolitik setzt auf die Mitsprache und Kompetenzen der Stadt und städtebauliche Innovation. Wir wollen eine Planungskultur wiederbeleben, die nicht nur die Quantität sondern auch die Qualität im Berliner Wohnungsneubau verbessert und gleichzeitig der Idee der integrierten Stadtentwicklung folgt.

1. Modernes Wohnen braucht Kreativität und gute Beteiligung.
Die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am Gemeinwesen ist eine Ur-Ressource des Städtischen. Gerade Berlin ist bekannt für seine Stadtaktiven, Kiez- und Mieterinitiativen, sie haben maßgeblich die Entwicklung der Stadt mitgeprägt. Wir Grüne haben im letzten Herbst mit unserem „Stadtvertrag Beteiligung“ eine ganze Reihe von Vorschlägen für ein Berliner Leitbild Bürgerbeteiligung gemacht, unter anderem die Einrichtung einer zentralen Vorhabenliste. Es ist nicht nur eine Frage der politischen Akzeptanz, ob die Berliner*innen an den Veränderungen teilhaben, die das Bevölkerungswachstum und die rege Bautätigkeit in der Stadt nach sich ziehen. Berlins Wohnungsbau kann auch unmittelbar von Erfahrungen mit Modellen der Nutzungsbeteiligung und Selbsthilfe profitieren, obwohl diese bislang ein Nischendasein fristen. Im Gegensatz zum Senat, der auf Einheitsarchitektur und -planung setzt, wollen wir die Vielfalt und Mischung von Wohn- und Eigentumsformen fördern. Wir machen uns für die kleinteilige Parzellierung von Bauland stark und wollen gerade auch im sozialen Wohnungsbau das Bauen mit den zukünftigen Bewohner*innen erproben. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass durch Transparenz und Mitsprache Baukosten gesenkt und die Identifikation mit dem Wohnumfeld gestärkt werden können.

Auch im Wohnungsbestand schafft Beteiligung soziale Nachbarschaft. Mieterbeiräte sind nicht nur ein wichtiges Instrument der Mitbestimmung, sondern tragen regelmäßig zur Schlichtung von Konflikten oder der Absenkung der Betriebskosten bei. Wir wollen ihre Position gegenüber den städtischen Wohnungsunternehmen, bei Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen oder der allgemeinen Informationspflicht stärken. Die landeseigenen Gesellschaften sollen auch insgesamt mehr Nutzerbeteiligung ermöglichen, sei es bei Jugendwohnprojekten, studentischem oder Mehrgenerationen-Wohnen. Solidarisches und selbstorganisiertes Bauen und Wohnen kann in sehr unterschiedlichen Organisations- und Rechtsformen erprobt werden: in selbstverwalteten Mietshäusern und Mietkaufmodellen, Dach- und Untergenossenschaften oder durch Kooperation mit gemeinnützigen Stiftungen. Wenn Menschen Wohneigentum erwerben wollen, ermuntern wir sie das im Neubau zu tun und nicht auf die Umwandlung von Mietwohnungen zu setzen. Selbsthilfe in Form von sozial engagierten Baugruppen, neuen Genossenschaften oder zum Beispiel durch das Mietshäuser Syndikat bringt mehr bedarfsgerechten Wohnraum, dient dem Gemeinwohl und wird von uns unterstützt.

2. Berlin braucht eine neue Planungskultur und eine integrierte Stadtentwicklung. In den letzten zehn Jahren haben Land und Bezirke im Zuge der Sparpolitik die Fähigkeit zu einer guten und vorausschauenden Planungskultur weitgehend eingebüßt. An die Stelle der ausgedünnten Planungsämter sind private Investoren und Bauträger getreten, die den Bezirksverordneten zwischenzeitlich sogar ihre eigenen Bebauungsplanentwürfe vorlegen. Durch diese Entwicklung bleiben die städtebaulichen, sozialen und ökologischen Interessen der Allgemeinheit hinter den renditeorientierten Interessen Weniger zurück. Wir wollen, dass die öffentliche Hand ihre kommunale Planungshoheit wieder selbstbewusst in die Hand nimmt und die Schaffung von Baurecht an das kommunale und Gemeinwohlinteresse knüpft. Dafür muss das zuständige Fachpersonal in den Bezirken verstärkt und die Mittel für den Unterhalt von Stadtgrün, der öffentlichen Infrastruktur und für Bürgerbeteiligung deutlich erhöht werden. Wir wollen, dass die Erarbeitung neuer Bauprojekte wieder stärker in der Öffentlichkeit stattfindet, statt durch geheime Hinterzimmer-Absprachen mit Investoren. Und wir fordern mehr offene Wettbewerbe, an denen auch junge, innovative Architektur- und Planungsbüros teilnehmen können.

Der Grund und Boden Berlins ist eine endliche Ressource. Trotzdem wartet Berlin seit Jahren auf eine neue Liegenschaftspolitik. Wir wollen auch für den Wohnungsneubau transparente Konzeptverfahren und eine verstärkte Vergabe in Erbbaupacht durchsetzen und gleichzeitig die Spielräume durch den Ankauf von Liegenschaften erhöhen. Berlin braucht eine ganzheitliche Stadtentwicklungspolitik, denn wenn die Bevölkerung wächst muss auch die Stadt insgesamt mitwachsen. Das gilt für die soziale Infrastruktur wie Kitas und Schulen, den ÖPNV und Fahrrad-Verkehr, die öffentliche Verwaltung und alle anderen Bereiche der staatlichen Daseinsvorsorge. Grüne Wohnungspolitik versteht sich deshalb als Teil einer integrierten Stadtentwicklung, mit dem Ziel, die Lebensqualität aller Berlinerinnen und Berliner zu verbessern.